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Oswald Gutsmann: Windische Sprachlehre I.1

Erter Theil.

Ertes Kapitel.

Von dem Leen und Schreiben.

Sowohl zum Leen, als zum Schreiben braucht man forderit das Kenntniß der Buchtaben. Derer haben die Windichen 23. wie ie hier in groer und kleiner Figur tehen, und nennen ie mit dem darunter geetzen Laute, wie:

A a, B b, C c, D d, E e, F f, G g, H h,
a, be, ce, de, e, ef, ge, ha,
I i, J j, K k, L l, M m, N n, O o, P p,
i, je, ka, el, em, en, o, pe,
R r, ,S , S s, T t, U u, V v, Z z.
er, eß, e, te, u, ve, zet.

Unter dieen Buchtaben ind 5. Selbtlauter: a, e, i, o, u. Die übrigen ind Mitlauter. Aus den Selbtlautern enttehen folgende Doppellauter: ai, au, ei, eu, ie, iu, oi, ou, ui, ieu. Das b lautet im Windichen allzeit natürlich und linder als das p; darum muß brada nicht o hart geprochen werden, wie im Deutchen Bart.

Das c kann man nur zu fremden Wörtern mit dem bey den Deutchen und Lateinern üblichen Laute brauchen.

Das e hat einen dreyfachen Laut: einen natürlichen mit mehr offenem Munde; wie jes grem, ich gehe: einen charfen; wie jeti, een: einen tummen; wie mersati, verdrießen.

Das h wird allzeit rauch ausgeprochen, wie bey den Deutchen das ch.

Das o hat einen zweyfachen Laut: einen höhern mit etwas gechloenem Munde, und einen niedern mit mehr offenem Munde; wie od tod, von dannen.

Das groe ,S und kleine muß von dem groen S und kleinem s in der Ausprache genauet unterchieden werden, weil ie ganz verchiedene Buchstaben ind. Das erte hat allzeit einen charfen Laut; wie ,Sam ebe, ich elbt: das zweyte einen ganz linden; wie kasati, weien. Wenn das am Ende eines Wortes zu tehen kömmt, nimmt es ein s an; wie nas, uns. Sont it es in der windichen Schrift nicht nöthig den nämlichen Buchtaben zu verdoppeln außer der Zuammenfügung mehrer Wörtlein in eines; wie odderhim, ich halte ab.

Das v wird allzeit ganz lind, fat wie ein offenes u ausgeprochen; wie vert, Garten.

Die andern Buchtaben klingen wie bey den Deutchen. In der Zuammenetzung bekommen doch folgende einen beondern Klang.

Das nj wird zuamm in einer Sylbe ausgeprochen o, daß das n nicht volltändig klingt, ondern mit etwas antoender Zunge; wie nja djanje, ein Thun. In dem Vorworte vun behält das n auch nach dem j einen natürlichen Laut; wie vunjemati, ausnehmen, weil das n zur erten Sylbe gehört, das j zur zweyten.

,Sh, h wird charf und rauch ausgeprochen; wie im Deutchen Sch: hilu, Schuterahle.

Sh, sh klingt viel weicher und linder; wie shena, Weib: shliza, Löffel.

Das zh hat einen Klang, wie im Deutchen das Tch; alo Zhernizhe, Tcherberg.

Diee vier mit einem Apotroph bezeichneten Buchtaben h', k', s', v' werden in der Ausprache nur zur darauffolgenden Sylbe genommen; wie h' Zirkvi, zur Kirche.

Das s' wenn es teht vor dem f, k, p, t, wird um etwas chärfer ausgeprochen; wie s' tebo, mit dir; ont aber ganz lind; s' volo, mit Willen.


Created 16 May 2002 by DFStermole
Last Modified 1 July 2002